»MÖCHT ICH EIN KOMET SEIN?«
HÖLDERLINS BILDUNGSWEGE UND NÜRTINGEN

Mit dem »Bildungszentrum am Schlossberg« und der Vernetzung dreier historischer Gebäude plant die Stadt Nürtingen ein übergreifendes Forum für Bildung, Kultur und Gemeinschaft inmitten der Altstadt. Herzstück ist der ehemalige Schweizerhof, der schon heute den Namen seines berühmtesten Bewohners trägt: das Hölderlinhaus in der Neckarsteige. Im Zuge des Umbaus zieht nun erstmals eine Dauerausstellung an den Ort, an dem Friedrich Hölderlin aufgewachsen ist: Fünf ehemalige Wohnräume der Familie Hölderlin-Gock werden zukünftig an den Dichter erinnern.

 

Den vielfältigen biografischen und werkspezifischen Beziehungen Hölderlins zur Stadt widmet sich die neue Dauerausstellung, die von BOK+Gärtner vollständig konzipiert und kuratiert wird. Die zentrale Bedeutung von Lernen und Lehren für Hölderlin, der zu den herausragenden Intellektuellen seiner Zeit zählte, schafft dabei eine thematische Brücke zu der heutigen Funktion des Hauses als Volkshochschule: In Nürtingen startete Hölderlins eigener Bildungsweg; hierhin schrieb er seinem Bruder Carl, der im Gegensatz zu ihm selbst nicht studieren durfte, Briefe zu seiner Erziehung und Bildung; von hier aus trat er seine Stelle als Hauslehrer im Hause Gontard an und traf dabei mit Susette Gontard seine große Liebe, die als »Diotima« sowohl Eingang in Hölderlins Briefroman »Hyperion« als auch in seine Gedichte fand.

LEISTUNGEN

TEXT + INHALTLICHE KONZEPTION

Hölderlinhaus Nürtingen

Dauerausstellung – derzeit in Planung

+ Bedarfsermittlung

+ vollständige Kuratierung der kulturwissenschaftlichen Dauerausstellung:

inhaltliche Konzeption, Exponatauswahl und -besorgung sowie Organisation des Leihverkehrs, Vermittlungskonzept, Verfassen aller Texte

BEISPIELTEXTE

GENERALTEXT


»MÖCHT ICH EIN KOMET SEIN?«

HÖLDERLINS BILDUNGSWEGE UND NÜRTINGEN

 

Mehr als jeder andere Lebensort war Nürtingen Friedrich Hölderlins »Heimat«: Hier, in diesem Haus, verbrachte er seine Kindheit; im Garten der Familie jenseits des Neckars spielte er mit seinem Bruder; und in der nahen Lateinschule startete er seinen Bildungsweg. Von hier aus brach Hölderlin mehrfach auf, um zu studieren oder als Hauslehrer zu unterrichten. Und immer wieder kehrte er in sein »liebes Nürtingen« zurück, um sich »nach manchen Erschütterungen und Rührungen der Seele … festzusetzen auf einige Zeit« – stets auch in der Hoffnung, irgendwann als freier Schriftsteller leben zu können.

Die Landschaft unter dem »Himmel der Heimat« prägte die Texte des leidenschaftlichen Wanderers, der zeitlebens Nürtinger Bürger blieb. In der »Vaterstadt« schrieb und überarbeitete er zahlreiche seiner Werke, darunter sein Roman »Hyperion«. Darin vergleicht Hölderlin den Lebens- und Bildungsweg des Menschen mit einer »exzentrischen Bahn«, der elliptischen Laufbahn von Himmelskörpern. Das Ziel der Reise: die Einheit von Ich und Welt. Das Mittel: »höchste Bildung«. Und auch wenn diese »krumme Bahn« häufig voller »Widersprüche« und »Verirrungen« ist: »Möcht' ich ein Komet sein? Ich glaube.«

EXPONATTEXT

 

 

LIEB-FATALER ORT

Ein unbekannter Maler mit den Initialen C. P. malte 1815 Nürtingen in der Ferne. Anders als die Figur im Vordergrund des Bildes, die stark an Caspar David Friedrichs »Wanderer im Nebelmeer« erinnert, war Hölderlin seiner Heimatstadt nicht nur zugewandt: Mal sehnte er sich nach seinem »lieben Nürtingen«, mal fragte er seine Mutter, ob sie »nicht lieber das fatale Nürtingen ganz verlassen« wolle. Seinen »Hyperion« ließ Hölderlin an realen Orten in Griechenland spielen und studierte dafür auch Karten des Landes, das er nie besucht hat. Und auch wenn er Nürtingen in keinem seiner Gedichte namentlich nennt, hat er seine Heimatstadt und die umgebende Landschaft in zahlreichen Gedichten wie »Heimat« und »Heimkunft« in poetische Bilder getaucht.